Offener Brief: Irans Geschichte verdient eine vollständige Betrachtung

Betreff:Stellungnahme zu Ihrem Beitrag über Reza Pahlavi Irans Geschichte verdient eine vollständige Betrachtung

Sehr geehrte Redaktion der Berliner Zeitung,

sehr geehrter Herr Javan-Khoshdel,

mit großer Verwunderung haben wir, die Patriotic Engineers of Iran, Ihren Beitrag „Freiheitspreis an Pahlavi-Sohn: Grobe Missachtung aller Opfer der Schah-Diktatur“ gelesen.

Wir respektieren ausdrücklich Ihre persönlichen Erfahrungen als ehemaliger politischer Gefangener sowie das Leid anderer Betroffener. Politische Gefangenschaft, Folter und Hinrichtungen während der Herrschaft Mohammad Reza Schah Pahlavis dürfen nicht geleugnet werden.

Persönliche Erfahrungen dürfen jedoch nicht dazu führen, historische Größenordnungen und die Entwicklung eines ganzen Landes einseitig darzustellen.

Gerade bei den Opferzahlen ist eine Neubewertung notwendig. Der Historiker Ervand Abrahamian kommt zu dem Ergebnis, dass zwischen 1971 und 1979 weniger als 100 politische Gefangene hingerichtet wurden. Für 1971 bis 1977 dokumentiert er 368 Todesfälle unter Angehörigen bewaffneter Guerillagruppen, darunter 197 Tote bei bewaffneten Auseinandersetzungen, 93 Hinrichtungen nach Militärgerichtsurteilen und 45 als unter Folter gestorbene Personen.

Jeder einzelne dieser Fälle ist tragisch. Diese Zahlen liegen jedoch in einer völlig anderen Größenordnung als die während und nach der Revolution verbreiteten Behauptungen über Tausende oder Zehntausende politisch Hingerichtete. Historische Aufarbeitung bedeutet deshalb auch, zwischen belegten Menschenrechtsverletzungen und politisch überhöhten Opferzahlen zu unterscheiden.

Ebenso einseitig ist es, die Pahlavi-Zeit nahezu ausschließlich auf SAVAK und Repression zu reduzieren.

Als Ingenieurinnen und Ingenieure erinnern wir daran, dass Iran gleichzeitig einen außergewöhnlichen Modernisierungsprozess erlebte. Zwischen 1963 und 1977 wuchs das reale Bruttoinlandsprodukt durchschnittlich um rund 10,5 Prozent jährlich, das Nicht-Öl-BIP sogar um etwa 11,5 Prozent. Straßen, Eisenbahnen, Häfen, Staudämme, Kraftwerke, Strom- und Wasserversorgung sowie industrielle Produktionskapazitäten wurden erheblich ausgebaut.

Diese Entwicklung machte Iran innerhalb weniger Jahrzehnte zu einem zunehmend industrialisierten und infrastrukturell modernen Staat.

Politische Repression wird dadurch nicht gerechtfertigt. Aber politische Repression macht umgekehrt auch Irans Modernisierung und Entwicklung nicht ungeschehen. Beides gehört zur historischen Wahrheit. Auch die heutige Rolle Reza Pahlavis wird in Ihrem Beitrag unvollständig dargestellt.

Nicht Reza Pahlavi persönlich erhält den Freiheitspreis der Friedrich-Naumann-Stiftung. Ausgezeichnet wird das iranische Volk; Reza Pahlavi nimmt den Preis treuhänderisch entgegen. Ebenso muss zwischen der Unterstützung Reza Pahlavis und dem Wunsch nach einer Monarchie unterschieden werden.

Aktuelle Erhebungen zeigen, dass seine politische Unterstützung über den Kreis überzeugter Monarchisten hinausgeht. Viele Iraner sehen in ihm nicht zwingend einen zukünftigen König, sondern eine mögliche Führungsfigur während eines Übergangs nach dem Ende der Islamischen Republik. Und auch diejenigen Iraner, die eine konstitutionelle Monarchie wünschen, vertreten eine vollkommen legitime demokratische Position.

Schweden, Dänemark, die Niederlande oder Belgien zeigen, dass parlamentarische Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Monarchie keineswegs Gegensätze sind. Ob ein zukünftiger Iran eine Republik oder eine konstitutionelle Monarchie sein wird, darf daher weder von Reza Pahlavi noch von seinen Gegnern entschieden werden.

Diese Entscheidung gehört ausschließlich dem iranischen Volk in einem freien demokratischen Verfahren. Nach 47 Jahren Islamischer Republik sollten zudem auch diejenigen, die 1979 für den Sturz der damaligen Ordnung kämpften, bereit sein, damalige Narrative und politische Entscheidungen kritisch zu hinterfragen.

Mehrere Generationen von Iranern haben inzwischen die Folgen dieser Revolution getragen. Als Ingenieurinnen und Ingenieure wissen wir: Man kann keine tragfähige Zukunft bauen, wenn man die Vergangenheit selektiv vermisst.

Wir wünschen uns deshalb von der Berliner Zeitung eine Debatte, die die Opfer politischer Repression respektiert, historische Zahlen korrekt einordnet, die damalige Modernisierung Irans nicht ausblendet und vor allem den heute lebenden Iranern das Recht zugesteht, selbst über ihre politische Zukunft zu entscheiden.

Mit freundlichen Grüßen

Patriotic Engineers of Iran

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